Kurzbeschreibung

Modellregion Tourismusnetzwerk

Prof. Mag. Peter Zellmann

Wien, 13.12.2007

 

Anhang 1:

Modellregion Tourismusnetzwerk
Beschreibung von Idee, Prozess und Methode (Zellmann)

Die Kernidee des Projektes „Modellregion Tourismusnetzwerk“ ist die fachkundige „Moderation eines Prozesses“. Diese Moderation von Informations- und Beschlussfassungsveranstaltungen soll regelmäßig (etwa 2 x im Monat) angesetzt sein und muss kontinuierlich, also vor allem konsequent begleitet und betreut werden. Das ist vor allem in Hinblick auf Angebotsentwicklung, Markenbildung und Tourismusbewusstsein auf und für eine gesamte Region ausgerichtet und zu verstehen. Nur dann sind nachhaltig positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sicher zu stellen.

Das Modell - allgemein

Zusammenfassende Punktation

Eine tourismuspolitische Initiative auf Basis der Regierungserklärung.

Durch das vorgelegte Projekt „Modellregion Tourismusnetzwerk“ sollen folgende arbeitsmarkt- und tourismuspolitischen Aspekte erreicht bzw. verbessert werden:

  1. Auf- bzw. Ausbau des Ganzjahrestourismus (Saisonverlängerung, Erarbeitung von
    Alternativangeboten)
  2. Schaffung von neuen „Qualitäts“-Arbeitsplätzen im Tourismus
  3. Maßnahmen zur Mitarbeiterqualifizierung (Aus- und Weiterbildung)
  4. Nachhaltiges, integriertes Wirtschaften und
  5. Erarbeitung von Innovationen im Tourismus (regionsbezogen)
  6. Maßnahmen zur Qualitätssteigerung im touristischen Angebot (Nachfrage bezogen)
  7. Stärkung der Internationalisierung
  8. Einrichtung von Netzwerken und Kooperationen.

1. Voraussetzungen und Interessenslagen

  • Die Bedeutung des Zusammenhanges von Arbeitsmarkt und der Tourismuswirtschaft wird deutlich unterschätzt:
    • Indirekt sind mehr Arbeitsplätze (mit)betroffen als allgemein angenommen.
    • Der Tourismus ist eines der „Alleinstellungsmerkmale“ der österreichischen Wirtschaft. – Positionierung als „das“ Gastgeberland.
    • Gäste sind Einheimische auf Zeit.
    • Tourismus ist von Freizeitwirtschaft nicht zu trennen.
    • Die Freizeitinfrastruktur ist die eigentliche Basis des touristischen Angebotes.
    • Die Software ist mindestens so wichtig wie die Hardware.
    • Nächtigungsentwicklungen: ein Sommer / Winter Ausgleich ist anzustreben.
  • Incoming / Outgoing
    • Interessenslagen / Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten müssen koordiniert werden.
    • Die Interessen von Reiseveranstaltern sind zu erfassen.
    • Quartiergeber / Anbieter Interessen sind regionsspezifisch zu definieren, die Unternehmen als Träger des Produkts zu begreifen.
    • Die Mitarbeiter, als wesentlicher, weil unverzichtbarer Teil des Angebots (Dienstleistungsprodukts), müssen in die Wertschöpfungskette besser integriert werden.
      Vor allem in diesem Zusammenhang sind auch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zu erarbeiten.
  • Tourismus, das sind nicht nur Unternehmer und Mitarbeiter (Dienstleister)
    • das sind wir alle als Nachfrager (UrlauberInnen, FreizeiterInnen).
    • „Was für die Tourismuswirtschaft gut ist, das ist für meine Freizeit gut.“
      Ein solches „Gastgeberbewusstsein“ hat auch Auswirkungen auf die Qualität der Arbeitswelt.

Wie in keinem anderen Wirtschaftsbereich kommen Interessen zusammen:

Tourismus geht uns alle an !

  • Die aktuellen Probleme im Tourismus sind bekannt: Klimawandel, Wintersport, Mobilität (Verkehr), Umwelt
    • ohne Schnee, kein Wintersport
    • ohne Wintersport kein Wintertourismus
    • ohne Wintertourismus kommt der Sommertourismus mit in Schwierigkeiten:
      Problem der „2 Saisonen-Notwendigkeit“ für die meisten Betriebe.
  • Die aktuellen Probleme am touristischen Arbeitsmarkt sind ebenso klar erfasst:
    • viele Teilzeitbeschäftigte
    • geringe Entlohnung
    • fehlende Karriereperspektiven
    • hoher Anteil an Saisonierbeschäftigung
    • familienunfreundliche Arbeitszeiten
    • viele Beschäftigungsauflösungen führen, aufgrund zu kurzer Dauer zu keiner Leistungsanwartschaft beim AMS (Arbeitslosengeld), sondern lediglich zu Erwerbslosigkeit.
  • Als aktuell – innovatives Projekt für die Entwicklung des Tourismus und die damit verbundene Situation am Arbeitsmarkt kann z.B. das nördliche Burgenland bzw. können klimatisch vergleichbare Regionen aufgefasst werden. Diese können sich von vorneherein als Zukunftsmodell für einen ¾ Jahrestourismus positionieren: Als Tourismusmodell Österreich 2020 (Klimawandel).

Auf Basis der bisher angeführten, allgemeinen Gegebenheiten beruht folgende Erkenntnis:

Der klein- und kleinststrukturierten Tourismuswirtschaft muss auch auf anderen Wegen geholfen werden als dies bisher der Fall war. Gute Studien und Bücher gibt es zum Nachlesen genug, das hat aber nachweislich bisher für die meisten Regionen im Hinblick auf eine konkrete, flächendeckende Umsetzung zu wenig gebracht.

Unter dem Begriff „Innovation“ im Tourismus ist ein klares Abweichen von Standardlösungen zu verstehen, wobei wirtschaftliche, ökologische und soziale Ziele deutlich im Vordergrund stehen. Der Großteil der zur Verfügung gestellten Mittel wird direkt in der Region wirksam. Innovationen sollen während des gesamten Prozesses angeregt und begleitet werden, ebenso wie die Qualifizierung der MitarbeiterInnen gefördert und branchenübergreifende Netzwerke aufgebaut werden sollen (s. INNOV.A.TOUR, Innovationsstudie, Kohl & Partner, Tourismusberatung, 2006).

Kooperationen kann man nicht von außen „verordnen“, sie müssen von der Basis ausgehend, gemeinsam erarbeitet werden.  

  • Die Methode muss zum Adressaten passen, nicht umgekehrt: Der aktuell diskutierte Tourismusmasterplan und das hier dargelegte Konzept „Modellregion“ können sich jedenfalls ergänzen.  

2. Beschreibung von Methode und Modell

Modellregion allgemein
Mögliche Kriterien für eine Bewerbung
  • Größe: 3 Mio. Nächtigungen, ca. 30.000 Betten
  • Methode, Vorgangsweise – ist das eigentliche Projekt:
  • Moderation des Prozesses
    • Regelmäßige Meetings
      • Alle sind dazu eingeladen (Unternehmer, Mitarbeiter, interessierte Bevölkerung, Tourismusinstitutionen, Vereine etc.)
    • Die Bedürfniserfassung steht im Mittelpunkt.
    • Auch Gäste sind einzubeziehen bzw. ist Feldforschung zu betreiben (Markt).
  • Zwischenberichte
    • Ergebnisberichte, laufende PK
    • Medienbegleitung:
      • Berichte aus der Modellregion
  • bottom up - mit „möglichst allen“ Beteiligten und „außenstehenden“ Experten
    • Ergänzende Detailanalysen von Experten, wo es wichtig erscheint.
    • Sonderbeauftragungen sind mit Mitteln von den beteiligten Ländern bzw. Gemeinden zu finanzieren.
  • Beschlussfassungen
    • werden protokolliert
    • führen zum nächsten Schritt

Der Prozess wird auf viele aktuelle Fragen der Gesellschaft stoßen:

  • von Ladenöffnungszeiten, Verkehr und Umwelt, Mautkosten, Mwst.
  • Betriebsübergabeerleichterungen,
  • Saisonarbeit, Teilzeitbeschäftigung, Arbeitslosigkeit, Ausbildungskonzepten
  • bis zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kinderbetreuung, Schulorganisation, …

Er wird aber immer regionsbezogen bleiben:

  • ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Projekt der gesamten Region
  • ein klassisches Projekt für die Sozialpartnerschaft

In die Regionsentwicklung müssen alle Beteiligten wie das AMS, örtliche Tourismusverbände, Gastronomie- und Hotelbetriebe, touristische und tourismusaffine Organisationen sowie Verkehrsträger eingebunden werden.

Ein weiteres Prinzip der Vorgangsweise zur Entwicklung dieser Modellregion ist die regionale und die grenzüberschreitende Vernetzung auch mit interessierten Teilen der Bevölkerung. Durch eine Zusammenarbeit der institutionellen Akteure – Verbände, Landes- und Gemeindestellen, Betriebe etc. – soll ein regionales Innovationsmilieu entstehen, das als Basis und Grundlage für die Projekte des Modellvorhabens dient und sozusagen die Motivation für die Erneuerung und den „Vorwärtstrend“ vermittelt.

Die „Modellregion“ ist die vernünftige Alternative zu manchmal kollektiv verordnetem Schönreden auf der einen und unnötige Verunsicherung (Klimawandel) auf der anderen Seite.

Aktuell sind einige für die Tourismuswirtschaft grundlegende und langfristig wirkende Entscheidungen zu treffen:

  • 2 Saisonen mit Beschneiungsproblematik (Finanzierung) (Modellregion 1)
  • ¾ Jahres Tourismus mit grundsätzlicher Neupositionierung (Modellregion 2)
  • Förderungsprogramme (von der Hardware zur Software) (1, 2)
  • Forschung und Entwicklung für die Tourismuswirtschaft definieren (1, 2)

Der dargestellte Prozess in einer Modellregion ist der richtige Weg für die Aufbereitung dieser Entscheidungsgrundlagen.

3. Erfolgsvoraussetzungen, Konsequenzen, Schlussfolgerungen

Funktionieren wird das Konzept, wenn:

  • die Sozialpartner gemeinsam daran interessiert sind,
  • die Medien, ev. ein Leitmedium, den Prozess konstruktiv kritisch begleiten und
  • die bisherigen Mittel für Analysen, Studien und Projekte (Insiderkreise) für zwei Jahre dem
    Projekt „Modellregion“ gewidmet werden.
    Dann entstehen für den Bund auch keine Mehrkosten. Die Länder und Regionen müssen ähnlich umwidmen, Sponsoren (Drittmittel
    für die Forschungsaufgabe) gefunden werden.

Das Ergebnis des Modellversuches ist für alle Regionen verwertbar, weil es die Methode aufzeigt wie regionalspezifisch (regionsbezogen) vorgegangen werden kann. Manche Ergebnisse können direkt übernommen, andere müssen nach der Projektmethode eben selbst erarbeitet werden.

Der Zeitablauf wird dadurch bei den Folgeregionen wesentlich kürzer sein.

Durch die anzustrebenden Unterschiede wird jedenfalls die notwendige Markenbildung gefördert.

Die Region, die Gastgeber entwickeln ihre Marke selbst.

Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass aus Marketingüberlegungen heraus in Österreich „Platz“ für max. 40 solcher, international noch wahrnehmbarer Marken ist.

Beispiele für in dieser Hinsicht bereits bestehende Marken sind Wien und das Salzkammergut.

Ein Modell im Burgenland (Seewinkel) könnte als Tourismusmodell für Österreich als ¾ Jahresmodell: Österreich Tourismus 2020/25 dienen (Vorteil: international, grenzüberschreitend).

  • grundsätzlich kann aber in allen Bundesländern das Projekt einer Modellregion eingerichtet werden.
  • Entscheidend sind nicht die topografischen oder wirtschaftlichen Voraussetzungen, sondern das Interesse von Landes-, Kommunal- und regionaler Wirtschaftspolitik: Die Motivationslage von Unternehmern und ev. auch Mitarbeitern.

4. Allgemeiner und arbeitsmarktpolitischer Nutzen

Das vorliegende Projekt ist sowohl mit einem allgemeinen Nutzen für Österreichs Tourismuswirtschaft als auch mit maßgeblichen arbeitsmarktpolitischen Wirkungen verbunden. Dies vor allem in Hinblick auf die zu erwartende weitere bzw. endgültige Öffnung des EU-Arbeitsmarktes.

  • Der allgemeine Nutzen besteht darin, dass die Umsetzung des Modellvorhabens mit einer komplexen, auch aus Einzelprojekten bestehenden, Struktur beispielgebend für andere Regionen ist und die Erfahrungen entsprechend genutzt werden können.
  • Der arbeitsmarktpolitische Nutzen besteht darin, dass das in weiterer Folge zu fördernde Gesamtprojekt entweder bestehende Arbeitsplätze sichert oder neue Arbeitsplätze schafft, beispielsweise bei den Firmen, die hinter den Einzelaktivitäten des Modellprojektes stehen. Ein wesentlicher Bestandteil des arbeitsmarktpolitischen Nutzens über die unmittelbar geschaffenen oder gesicherten Arbeitsplätze hinaus wird sich aus der angestrebten Verbindung aller im Rahmen der Modellregion umgesetzten Aktivitäten mit beruflicher Qualifizierung und Weiterbildung ergeben.
    Die Qualifizierungsdimension wird sowohl im Gesamtkonzept für die „Modellregion Tourismusnetzwerk“ als auch in den möglichen Konzepten ev. bestehender Einzelprojekte als wesentliche Leistungskomponente verankert sein.

Ebenen der Qualifizierung können beispielsweise sein:

  • Höherqualifizierung für Arbeitsplätze im Qualitätstourismus
  • Basisqualifizierung für Arbeitsuchende
  • Spezifische Trainings, damit auch für innovative Tourismusangebote entsprechend qualifiziertes Personal vorhanden ist.
  • Lehrlingsförderung
  • Weiterbildung für Ausbilder
  • Ausbildung von Fachkräften

Die Ausarbeitung der projektspezifischen Qualifizierungskomponenten erfolgt in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Institutionen, zum Beispiel mit Tourismusschulen und Weiterbildungseinrichtungen.

5. Ein Ausblick als Zusammenfassung

Die „Modellregion Tourismusnetzwerk“ – eine tourismuspolitische Perspektive

(mit der prinzipiellen Gültigkeit auch für andere Regionen und der möglichen Abstimmung mit dem aktuell diskutierten Masterplan).

Mit dem Projekt „Modellregion Tourismusnetzwerk“ soll ein Prozess in Gang gesetzt werden, dessen grundlegendes Ziel die wesentliche Verbesserung der touristischen Angebots- und Beschäftigungsstruktur der unter Umständen neu zu definierenden Region, und damit die Schaffung eines echten Modells für eine moderne Art der Angebotsentwicklung und Markenbildung für andere Tourismusregionen in Österreich ist.

Durch den Aufbau eines innovativen Tourismusclusters (einschließlich einer organisatorischen Trägerstruktur unter federführender Einbindung der regionalen Tourismusorganisation) soll ein Beitrag zur Kompensation möglicher regionaler Defizite geleistet und damit eine Verbesserung der (mono-)saisonalen Ausrichtung des Tourismus der Regionen erreicht werden. Damit wäre auch ein wesentlicher und gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr wichtiger Anstoß für die Verbesserung der Beschäftigungssituation in den beteiligten Gemeinden verbunden.

Das Projekt ist also in zweifacher Hinsicht interessant: Aus tourismus- und aus arbeitsmarktspolitischer Sicht.

Das eigentliche „Modell“ ist die fachkundige Moderation des Prozesses.

Um die natürlichen Ressourcen einer Region auszuschöpfen und für den Gast erlebbar zu machen, bedarf es einer engen Kooperation aller, die dort leben.

Erforderlich dafür sind attraktive Arbeitsplätze in qualitativ hochwertigen Betrieben, eine enge Zusammenarbeit von Wirtschaftsunternehmen mit Tourismus- und Freizeitorganisationen, eine Vernetzung von sich ergänzenden und daher bereichernden Angeboten (zum Beispiel spezielle Wirtschaftssparten, Kultureinrichtungen, Sport- und Erlebnisangeboten etc.) und vor allem das Aufzeigen von alternativen Möglichkeiten (gesellschaftliche Entwicklung, Klimawandel etc.) für den Tourismus, der einen der wichtigsten Wirtschaftszweige Österreichs bzw. jedes Bundeslandes darstellt.

Konsequent durchgezogen kann die Idee den Österreich Tourismus in 5 Jahren grundlegend positiv verändern.

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